Wussten Sie eigentlich, dass man, wenn man das WRC (Western Riding Certificate, entspricht Reiterpass) machen möchte, gleichzeitig einen Privatpilotenschein für Leichtflugzeuge erwerben muss? Das wurde zur Förderung der beiden dahinterstehenden Verbände so eingeführt. Von der anderen Seite betrachtet, ist es doch beruhigend zu wissen, dass der Pilot, dem man sich anvertraut hat, in der Lage ist, nach einem Absturz die Reise per Pferd fortzusetzen.
Woher ich das habe? Das hab ich geträumt. Wenn es draußen kühler wird und ich besser schlafe, erfahre ich immer wieder die lehrreichsten Dinge im Traum. Zum Beispiel wurde mir im Schlaf mitgeteilt, dass ich mein Pferd besser nicht am Zügel angehängt allein stehen lasse, wenn nebenan gerade ein American-Football-Maskottchen mit Luftmatratzenrasenmäher das Sportplatzgras bearbeitet. Ein Hinweis von höherer Instanz?
Sie merken, es läuft hier wieder auf das Reiten hinaus. Ist ja auch kein Wunder bei meinem Tagesablauf: tagsüber Monty-Roberts-Videos, drei Westerntrainer, Aachen-Reining in Google Video und nachts schwere Träume: Sonst erleb ich ja praktisch nichts. Da kann ich gleich noch erzählen, wie die richtige WRC-Prüfung war, und zwar mach ich das in dem Stil, in dem ich heute einen Schulaufsatz schreiben würde (Experiment!):
11 Menschen mit adretten Hemden, sauber geputzten Reitstiefeln und absurden Hüten trafen sich sonntags in aller Herrgottsfrüh, um gleich einmal zum Schweifbürsten und Weichteilwaschen eingeteilt zu werden. Danach wurde in der Halle mehrspurig, aber trotzdem planlos aufgewärmt, worauf uns der Trainer einen nach dem anderen streng nach innen winkte und eine Polizeikontrolle durchführen ließ: Ohne Umschweife wurden wir einem Richter vorgeführt, der eine Art Alko-Intelligenztest vornahm: "Wo ist beim Pferd das Schlüsselbein?" Darauf die Beisitzerin (im Stehen): "Spar dir doch deine blöden Schmäh." Nach einigen Fragen zu Wohlbefinden (Kolik?) und Mode (Wie muss das Hemd beim Turnier noch sein? Sauber!) durfte man wieder verschwinden. In meinem Fall hielt es das Pferd für angebrachtes Verhalten, beim Aufstiegversuch rückwärts zu treten, was ich in horsemanshiptechnischer Vollkonsequenz mit einem Klaps auf sein Hinterteil quittieren musste, und nach drei Versuchen saß ich tatsächlich wieder oben; Blinker raus, Abfahrt.
Als Nächstes war die Pleasure dran: Literatur-Connaisseure werden hier sogleich an das kleinformatige Erotikheft der achtziger Jahre mit den akkuraten anatomischen Abbildungen denken, aber, so sag ich gleich, in diesem Fall handelte es sich um Reiten auf Ansage ("Trot your horses please"). Durch intensives Hörtraining im Vorfeld konnte das Verwechseln der sämtlich stark o-Laut-lastigen englischen Gangbezeichnungen (Wok, Trot, Lope) vermieden werden; jedoch nicht, dass das Pferd aus dem ersten Galopp gleich wieder in den Trab zurückfiel, was ihm meinerseitige Beargwöhnung einbrachte.
Nun bereiteten wir uns auf dem Abreitplatz auf den Trail vor. Dabei handelt es sich um die Art von Hindernisparcours, den man unmöglich in Google (und Google Video) finden kann, denn sämtliche Schlagwörter wie "Trail", "Western Trail" oder "Western Trail Horse" führen zu Seiten über US-Völkerwanderungen des 19. Jahrhunderts. Dermaßen ungebildet übte ich mit dem mittlerweile schon fast aufgewachten Pferd das Traben über Stangen und Schrittgehen über Holzpaletten ("Brücke"), was gut klappte, aber didaktisch leider nicht das Wahre war, da es an eben den Stangen und Paletten auf dem Abreitplatz mangelte. Folgerichtig schlug pferd später bei der Prüfung allenthalben an Begrenzungsstangen an und war offenbar der Meinung, die aufgelegten Trabstangen dienten zur perkussionsmäßigen Aufpeppung des Bewerbs. Den Argwohn des Richters im Nacken, leisteten wir uns noch einen "Break of gait" (aus der Gangart Fallen), weswegen ich auch sofort gemaßregelt wurde (das Pferd ging leer aus, was ich insofern ungerecht finde, dass ja immer betont wird, dass bei den Bewerben eigentlich das Pferd beurteilt wird und nicht der Reiter).
Meinen Ruf als maßloser Springinsfeld (wenn schon in der Westernreitweise nicht das Pferd springen darf) untermauerte ich nun bei der Vorbereitung auf die Reining. Unter Reining, das in österreichischen Medien in der Regel "raining" geschrieben wird ("Madonna säuft pro Tag 40 Liter Wasser und wird derzeit in Raining ausgebildet"), versteht man das Figurenreiten im Galopp. Dabei geht es aber nicht darum, ad hoc eine möglichst kreative Figur zu erfinden - auch wenn beim WRC manche Pferde dafür ein besonderes Talent hatten -, sondern eine vorgegebene Figur („Pattern“) exakt und in der richtigen Geschwindigkeit zu absolvieren. Da mein künstlerisch bewandertes Pferd während der Vorbereitung, also während ich es noch vorberitt, über Hyperbeln und Parabeln in die ovale Phase vorstieß, während das Reglement aber auf "Zirkeln" beharrte, war ich gezwungen gewesen, in die Trickkiste zu greifen und ihm in den Kurven immer wieder die Schulter aufzurichten, wodurch die geometrischen Exzesse sich wieder in Richtung Kreis normalisierten. Beim Abschlusstraining hatte der Trainer noch "Good idea ... aber nicht zu stark den Kopf hineinbiegen" (den Kopf des Pferds) gestaunt, und in der Tat klappte es auch bei der Prüfung hervorragend. Bei den Rollbacks (Stopp und sofort wieder nach hinten in den Galopp springen) hatte ich gelernt, dass das Pferd das von alleine am besten kann - ist eben ein gutes Reiningpferd und säuft auch brav seine 40 Liter Wasser täglich -, und in der Tat, wir hopsten ganz munter durch die Gegend miteinander. Beim Vorbeigaloppieren hörte ich den Richter zur Beisitzenden bemerken: "der Sitz ist aber gut" oder: "der Sitz ist aber nicht so gut", leider hab ichs nicht so genau verstanden, weil das Pferd unter mir so unbotmäßige Galoppgeräusche machte. Beim Verlassen der Halle erhielt ich, da die Tribüne keine Sitzplätze hatte, stehende Ovationen und machte mich auf, das Pferd "in die Box zu setzen", wie unser Trainer zu sagen pflegt.
Kaum dass er also fünf Minuten in der Box sitzen und auf Strohhalmen herumkauen konnte, musste ich den wieselflinken Wallach schon wieder aufzäumen und zum Foto zerren. Unterwegs entfernte ich ihm die links und rechts meterweit wegstehenden Reste seiner Mahlzeit aus dem Maul, und erst als mich ein Passant erinnerte, dass Reiter ja normalerweise auf den Pferden oben drauf sitzen, erklomm ich das braune Tier und fegte in gestrecktem Trab Richtung Fotoplatz, der wilde Ritt begleitet von versonnenem Geschmatze des Equiden.
Alle mutigen Männer und Frauen (wobei Zahlenverhältnis 1:10) erhielten nun ihre Urkunden und Zahlscheine für die Turnierkarten sowie eine Gürtelschnalle, zu der ich am besten Gürtelschnalle sage, auch wenn viele andere die englische Bezeichnung "buckle" verwenden. Ich sage allerdings immer "bucket" (Kübel), weiß der Teufel warum, und das würde zu viel Verwirrung stiften. Auf der Gürtelschnalle ist ein Westernreiter in einer absurd falschen Sitzposition zu sehen, der noch dazu eine Hand auf der Kruppe des Pferds hat (unser Trainer, schulterzuckend: "He's relaxing ..."). Auf einen freien Platz auf der Schnalle kann man laut Auskunft der Schefes entweder seinen eigenen oder den Namen seines Pferds eingravieren lassen. Merke also: Es handelt sich nicht unbedingt um den Künstlernamen des Reiters, wenn einer einen Namen wie "Golden Jac Hero" oder „Suny de Peponita“ auf der Gürtelschnalle stehen hat. Die ausgehändigten Urkunden der Fédération Equestre Nationale d’Autriche, département de l’équitation à l’ouest, sind wohlanzusehen, wenn auch leider Datum und Ort der Ausstellung fehlen und ihr Format etwas zu ausladend ist, um sich beim Pferdmieten im Urlaub mit ihnen zu legitimieren. An der Wand machen sie sich aber allemal gut, direkt unter den Advanced-Open-Water-Diver-Zertifikaten, den Anonyme-Alkoholiker-Zeugnissen oder dem Diplom für den Abschluss der KGB-Schläferagentenausbildung (wo hab ich das eigentlich her?).
Abschließend muss ich festhalten, dass das mit Abstand das beste Faschingsfest war, das ich bisher erlebt habe. Hut ab.