Aus dem ständigen Wunsch heraus, mich bis zum Anschlag fortzubilden, um nicht zu sagen, aus reiner Neugier, habe ich mir vor einiger Zeit ein „komisches“ (Zitat eines Lesers in einer Büchersendung) Hebräischbuch gekauft, dessen Autor eine – zum eigenen Erstaunen – von niemandem sonst entdeckte Lernmethode verwendet, die im Bereich der Vokabeln alles drastisch vereinfacht, und das auf sprachhistorisch natürliche Weise: Im Hebräischen werden ja (fast) nur Konsonanten geschrieben, und wenn man eine Burg mit einem Berg vergleicht oder eine Grube mit einem Grab, so hat man dieselben Konsonanten und zumindest die Gegenteile des gleichen Begriffs. Die Konsonantengruppen werden nun in wenige Wörterhauptgruppen eingeteilt und es wird demonstriert, dass man in diesen lauter verwandte Wörter zusammenfassen kann. Das Ganze wird allerdings dann doch wieder eine eigene Wissenschaft, wenn auch eine Wissenschaft der Metaeselsbrücken.
Die ersten Lektionen des „eine verständliche Einführung“ betitelten Lehrbuchs handeln vom ständigen augenzwinkernden Gescholtenwerden eines studentischen Jungspunds durch seinen Professor, wobei der Student diesem unvorsichtigerweise immer die törichtesten Antworten gibt (nämlich dass er keine Ahnung hat), worauf der Professor immer wieder die Pfade der Systematik verlässt und ihm in ständigen Vor- und Rückgriffen bunte Mischungen verschiedenartigster Erkenntnisse entgegensprudelt. Ich bin ja bezüglich Sprachbücher einiges gewohnt und kann dem Ganzen einigermaßen folgen, obwohl es aussichtslos wäre, alle Wissensmassen, die ständig daherkommen, tatsächlich verinnerlichen zu wollen. Was ja doch die didaktische Qualität des Buchs etwas in Frage stellt.
Der Autor macht freundlicherweise keinen Hehl daraus, dass der ansonsten übliche Unterricht seiner Meinung nach nicht das Gelbe vom Ei ist, und erspart uns hie und da eine mehr verwirrende als erhellende konventionelle Lektion, kommentiert das aber wiederum in höchst umfangreichen Exkursen.
An einer Stelle jedoch wird der ungewöhnliche erzählerische Unterricht dann zum Sprachbuch-Déjà-vu: Wenn nämlich die hebräischen Buchstaben dran sind. Angesichts deren Komplexität (Druckschrift, Schreibschrift groß und klein) helfen einfach keine Eselsbrücken mehr weiter. Die Anforderungen steigen dermaßen steil an, dass für die meisten Leser, mich eingeschlossen, hier wohl Schluss ist.
Alles in allem ist es dennoch für Sprachinteressierte ein lesenswertes Buch, auch wenn wahrscheinlich nur wenige über das in der Mitte gelegene Kapitel mit dem Alfabet hinauskommen werden, und das mit der „verständlichen Einführung“ wird in derselben Lade ad acta gelegt, in der sich bereits Gustav Hankes „erste Einführung“ in die maschinennahe Großrechnerprogrammiersprache „IBM-Assembler/360“ befindet; beides Bücher, deren Verfilmung wohl auch unsere Kinder nicht mehr erleben werden. Von Avantgardefilmen vielleicht abgesehen. Jetzt aber Schluss damit, und zu etwas ganz anderem!
Für Semitische-Sprachen-Freaks, die sich in das Hebräische bereits „verständlich eingeführt“ haben und kühn genug sind, Aramäisch einfach zu überspringen, steht jetzt Arabisch auf der Tagesordnung. Wer die hebräischen Buchstaben ob ihrer Vielfalt beargwöhnt, wird sich über die läppischen 29 Buchstaben des arabischen Alfabets freuen, bei dem zum Beispiel das Sch genauso aussieht wie das hebräische, nur dass es anstatt drei Haxen drei Punkte hat. Glücklicherweise haben die Araber schon im Altertum immer dermaßen schwere Griffel verwendet, dass es ihnen zu mühsam war, nach jedem Buchstaben den Stift zu heben und neu anzusetzen. Dadurch erübrigt sich eine extra Druckschrift.
Allerdings gibt es von den Buchstaben jeweils 2-4 Formen (alleinstehend, Wortanfang, -ende, -mitte), die sich in der Regel aber gleichen. Wo es zu kompliziert wäre, einen Megaschnörkel mitten im Wortfluss zu platzieren, macht der Araber im Zweifel einfach ein kleines Dach in die Grundlinie und setzt darauf oder darunter Punkte, die den Buchstaben von den anderen Dacherln in einer nicht eben dacherlarmen Schrift unterscheidbar machen.
Das Langenscheidt-Lehrbuch ist an Selbstlerner gerichtet und besteht aus 15 Lektionen. Allerdings begegnen wir hier einem ebenso üblichen wie unfairen Lehrbuchtrick: Einer Vorlektion. Die Vorlektion, deren Name vortäuscht, sie sei kaum der Rede wert, behandelt die vielleicht nicht ganz unwesentlichen Kapitel komplettes Alfabet, alle Laut- und Hilfszeichen, die Kürzel, Unterscheidung Sonnen-/Mondbuchstaben, Rechtschreibung, Ziffern sowie sieben Testaufgaben.
Übrigens verwenden die Araber keine arabischen Ziffern, sondern indische, was ich ihnen etwas übelnehmen würde, gäbe es nicht als Ausgleich die Araberpferde, die einzigen Pferde, die es gewohnt sind auch trockene Insekten zu verzehren. In dem zurückhaltend als „Vorlektion“ bezeichneten Lehrstoffkonvolut kommen gegen Anfang die Lautzeichen vor. Das sind gewissermaßen Akzente, mit denen man die Konsonanten mit den fehlenden unbetonten Vokalen ausstatten kann. Nachdem man sie alle mühsam gelernt hat, wird einem gegen Ende nahegelegt, die Unsitte, Lautzeichen zu schreiben, pronto abzulegen, weil es darum geht, die Wörter auch ohne diese zu erkennen. Also auch noch ein ausgewachsener Paradigmenwechsel, und das alles in der Vorlektion!
In den richtigen Lektionen gibts allerdings etwas, das es in der Vorlektion nicht gibt: Illustrationen. Ein Ägypter und eine Syrerin werden etwas klischeehaft (das sei einem Lehrbuch verziehen), aber zeichnerisch schlecht (das ist in allen Lehrbüchern so, und das sei allen nicht verziehen, weil man diese scheußlichen Krakeleien als Schüler ja ständig anglotzen muss) gezeichnet, und der abgebildete „deutsche Student“ schießt den Vogel ab: Schlaksig, dicke Brille, hohe Stirn, Pullunder, Sportschuhe. Danke, denk ich mir, für die Ehrlichkeit, mit der Langenscheidt darlegt, wie es sich seine Arabischstudenten vorstellt! Danke für den Hinweis, dass man als solcher offenbar automatisch ein Nerd ist. Aber anscheinend ist etwas dran: Weil sich meine Bekannten und Verwandten nicht einigen können, ob es unnötiger ist, Hebräisch oder Arabisch zu lernen, muss ich an dieser Stelle festhalten: Ich lerne diese Sprachen nicht, sondern ich interessiere mich nur für sie, wobei ichs aber nicht bei Informationen, die auch im Neon-Büchlein des sinnlosen Wissens stehen könnten, bewenden lassen will.
Wieder zur Vorlektion: Angesichts dieser besonderen Unverfrorenheit plane ich nun, ein Deutsch-Lehrbuch herauszugeben, das nur zwei Lektionen hat (und eine Vorlektion, in der schnell einmal Grammatik, Vokabular, Rechtschreibung und Konversation abgehandelt werden). Die Lektionen wären dann relativ einfach, vielleicht ein Kreuzworträtsel und ein Bilderrätsel. Oder, noch besser: Karikaturen!
In einem ziemlich schlechten Tschechischkurs an der Volkshochschule wurden einmal „Karikaturen“ eines berühmten tschechischen Zeichners verteilt. Werke dieses Zeichners spielen in Tschechischbüchern stets eine herausragende Rolle. Seit der Öffnung des Ostens heben diese Karikaturen die Motivation der Studenten, weil sie selbst so öde sind, dass einem die nebenstehenden Grammatiktafeln wie die Benny-Hill-Show vorkommen.
Im genannten Volkshochschulkurs bekamen wir als Hausübung, die Geschichte zur Karikatur nach- und weiterzuerzählen. Thema war der im neuen Jahr bevorstehende EU-Beitritt Tschechiens, und im Bild war in einer Straßenszene ein Mann mit weißem Kittel und irgendwo einem Stern drauf zu sehen, der das „neue Jahr“ darstellte (was uns die Lehrerin aber erklären musste). Zwei Passanten standen auch herum, und einer sprach zu dem Kittelmann: „Wie wird das neue Jahr? - Nein, sag lieber nichts!“
Daheim zeichnete ich dem Neuen Jahr nach einigem vergeblichen Gebrüte über die mir nicht eingängige Pointe eine bluttriefende Axt in die Hand. Somit hatte das Bild etwas Sinn, und ich konnte mir eine absurde Kurzgeschichte dazu ausdenken. Leider war ich aber vokabel-, präpositions- und ablativmäßig dermaßen unbewandert, dass die Lehrerin in der nächsten Stunde, als ich meinen Text vorlesen musste, immer nur „nerozumím“ von sich gab und mich nun ganz offensichtlich für geistig unterbelichtet hält.
Zusätzlich zeigte ich Soña einmal das Lehrbuch mit dem darauf prangenden Titel „Wollen Sie Tschechisch sprechen?“, worauf sie zu meiner Ernüchterung prompt antwortete: „Nein.“ Vielleicht hätte ich ihr das andere Lehrbuch „Mluvíme cesky“ („Wir sprechen Tschechisch“) vor die Nase halten sollen, dann hätte sie wahrscheinlich wenigstens „Ne!“ geantwortet.
Literatur:
Issi Bayer: Jedermann "kennt" Hebräisch, Verlag S. Zack & Co., Jerusalem, 1989
Langenscheidt Praktisches Lehrbuch Arabisch, Langenscheidt 2007, ISBN 978-3-468-26061-2
Helena Remediosová u.a.: Wollen Sie Tschechisch sprechen 1, 2002, ISBN 80-902165-9-5
Bohdana Lommatzsch u.a.: Mluvíme cesky 1, Volk und Wissen 1990, ISBN 3-06-551001-4