Das Internet ist ja nur ein Medium. Kein Mysterium, kein Gottseibeiuns, nicht der Untergang aller Kultur. Als es neu war, war klar, dass ihm die Zukunft gehörte: Der Brief nach Amerika war in Sekundenschnelle zugestellt. Auf Webseiten konnte plötzlich jeder um ganz wenig Geld Inhalte veröffentlichen, die von niemandem zensiert werden konnten. Dann kamen Web-Formulare und mit ihnen die Web-Applikationen: Software, die im Netz läuft und man ohne Installationszwang von überall aus benutzen kann („wo es Internet gibt“, wie man anfangs dazusagen musste). Es gab nun Foren mit Gleichgesinnten für praktisch jedes Interessensgebiet. Das MP3-Format befreite uns vom Joch der Musikindustrie: Nun hatten endlich auch die Konsumenten etwas zu melden. Weiter gings mit dank CSS und Ajax verbesserter Website-Bedienung, sozialen Plattformen. Funknetzen! Es kamen die Smartphones und Netbooks. Voice over IP.
Die Welt wurde kleiner, Entfernungen unwichtiger. Für Recherchen musste man nicht mehr wochenlang suchen. Publizieren wurde einfacher. Allein beim Veröffentlichen eigener Inhalte hat sich eine Revolution abgespielt: Aus der Masse an Informationen, die die Menschen online stellen, kann der Konsument heute selbst wählen. Weder gibt es für den Veröffentlicher direkte Barrieren zur Öffentlichkeit – wie die Ablehnung der Veröffentlichung durch etablierte Medien – noch finanzielle – Zwang zum Eigenverlag und -vertrieb. Was inhaltlich gut ankommt, wird konsumiert, und es gibt sogar bequeme Möglichkeiten, damit Geld zu verdienen. Die Masse machts, und gute Inhalte sorgen für das Aufkommen der Masse.
Dieses Medium bietet nun, fünfzehn Jahre nach seiner Ankunft in der breiten Öffentlichkeit, längst höchst differenzierte Dienste und Möglichkeiten. Nicht jeder liebt alles am Netz, aber es liebt ja auch nicht jeder alles am Telefon oder am Eisenbahnwesen. Manche bemängeln die niedrige Qualität der privaten Meinungen im Netz, andere wissen nicht mehr, wie sie je ohne Microblogging (Twitter) leben konnten. Der eine versorgt sich mittels eines ausgeklügelt konfigurierten RSS-Readers täglich mit begehrten und hochspezialisierten Informationen, der andere baut sich seine virtuelle Modelleisenbahn und verbringt so die Wochenenden. Jedem das Seine; niemand ist gezwungen, alles zu konsumieren. Nur auswählen muss man selber.
So sehe ich das Internet: Als grundsätzlich neutrales, heute nicht mehr wegzudenkendes Kommunikationsmedium im weitesten Sinn. Umso erstaunter war ich, dass Armin Thurnher, Falter-Chef und bester Kommentator der heimischen Politik- und Medienlandschaft, seit einiger Zeit das Internet beargwöhnt, unter wiederholter Beteuerung, er werde falsch verstanden und meine es ganz anders. Thurnher kritisiert den Alles-gratis-Charakter des Internets, sendet Honorarnoten an Personen, die Texte von ihm auf ihren Seiten veröffentlichen, um dazu Stellung zu nehmen, und betreibt gleichzeitig eine im Kern inhaltslose Magazinwebsite (in der nämlich die eigentlichen Magazininhalte fehlen). Die Internet-Fuzzis nennt er „Meerschweinchen“, was wahrscheinlich ein ähnlicher „Scherz“ ist wie, als er früher immer wieder dem „österreichischen Ingenieur“ als solchem eine besonders verbrecherische Veranlagung unterstellt hat.
Was ich aber noch schlimmer finde, ist dass Thurnher die Vorauswahl von Inhalten durch Fachleute (Redaktionen), welche die Qualität sichern soll, anscheinend besser findet als die Publikationsfreiheit, die jetzt endlich herrscht. Viele Menschen würden unkritisch schlechte Publikationen akzeptieren. Das mag zwar stimmen (siehe Printsektor), aber wenn ich mir bewusst mache, welche Themenbereiche selbst vom Falter bisher nicht aufgegriffen wurden und wenn, dann keineswegs so hochqualitativ wie zu erwarten sein soll, dann ziehe ich mit großem Vergnügen die wilde Freiheit vor, auch wenn ich dabei das Gute vom Schlechten selbst unterscheiden muss.
Betreffend das Internet ist Thurnhers Haltung offenbar von einer überflüssigen Angst um zahlende Kundschaft getragen: Wenn der Falter im Internet erscheint, warum sollte dann jemand für ihn zahlen wollen? Es kommt doch wohl auch darauf an, wie man die Inhalte veröffentlicht. Wie macht es denn Doris Knecht? Alle ihre Kolumnen erscheinen auf ihrer Website. Weder für Knecht selbst noch für Falter und Kurier scheint das ein Verlustgeschäft zu sein. Ich vermute, es ist eher ein kräftiger Werbemotor. Wie macht es der Standard? Da keiner etwas zu verschenken hat, muss es sich zumindest über die Onlinewerbung auch für ihn irgendwie auszahlen. Ich selbst, ganz und gar nicht typisch homo oeconomicus, beziehe den Standard im Abonnement und lese trotzdem mehrmals täglich auf dessen Website. Nicht nur kann ich so die Standard-Inhalte in anderen Situationen konsumieren, es gibt auch lebendige, spannende Benutzerdiskussionen zu den Inhalten.
Thurnher hingegen „hamstert“ seine Inhalte. Kurioserweise macht er auf der anderen Seite aber ziemlich genau das, wovor er Angst hat: er twittert, woran er gar nichts verdient und womit er vermutlich auch keine nennenswerte Werbewirkung erzielt. Nur damit er den „Meerschweinchen“ irgendetwas bietet? Ich meine, ein guter Falter-Webauftritt wäre weit notwendiger und ist seit zehn Jahren überfällig.