Heute möchte ich zwei aktuelle Leserbriefe zum Thema Europäische Finanzkrise wiedergeben. In welchen Zeitungen sind sie wohl erschienen?
1. Der „Fluch des Euro“
Die Tage des Euro, oder besser gesagt, der „Einheitswährung“, sind gezählt, wenn die derzeitige Krise anhält. Natürlich können wir weiterhin „mit ihm leben“: falls die einzelnen Mitgliedsstaaten es zustandebringen, ihre eigene „Wechselgebühr“ oder ihren eigenen nationalen Euro mit Wechselkurs einzuführen und wenn dann die Kurssteigerung oder -senkung die alleinige Entscheidung der Nationalbank des jeweiligen Landes ist.
Die Wechselkurse würden wiedererstehen – zwischen den verschiedenen Euros der EU-Länder. Der Euro würde somit umgewandelt in eine Nationalwährung, und Krisenländer könnten ihn auch abwerten. Gegen die Krise wäre es dann möglich, abzuwerten und dadurch die Exporte zu steigern. Momentan kann dieses Rezept nicht angewandt werden; vorrangiges Ziel ist der Euro als Einheitswährung durch die Neugestaltung der europäischen Wirtschaftsräume.
„Der Euro wurde geschaffen, um die Europäischen Völker in ein Wirtschaftsbündnis zu zwingen, damit sie später auch ein politisches Bündnis schließen. Von der Einheitswährung profitiert nur eine kleine Gruppe von Banken, die ein Oligopol bildet.“
Die wirtschaftlichen Notwendigkeiten der einzelnen Staaten sind sehr verschieden, was natürlich Stabilität und Existenz einer Einheitswährung nicht fördert. Bisher hat die Einheitswährung nur zur wirtschaftlichen Destabilisierung der Eurozone beigetragen, zur Verbreiterung des Grabens zwischen armen und reichen Ländern. In der EU gibt es Wirtschaftsgebiete, deren einziges Interesse darin besteht, andere Länder als „Konsumenten“ zu betrachten, und das läuft in die gänzlich andere Richtung wie eine Dynamisierung der Wirtschaft kleiner Länder wie Portugal. Portugal kann doch nicht ausschließlich aus Dienstleistern und Konsumenten bestehen!
„Glaubt jemand, dass der finanzielle Aufwand zur „Rettung“ von Griechenland es ermöglicht, dass dessen Defizit in vier Jahren von vierzehn auf vier Prozent sinkt? Oder wird es, ganz im Gegenteil, passieren, dass die angekündigten Maßnahmen das Land in eine gesteigerte Rezession führen werden, welche das Land in seinen Schulden untergehen lassen wird? Die Lösung für Griechenland und die anderen Länder, die Schwierigkeiten haben, ist der Ausstieg aus dem Euro. Die Schulden können dann in nationale Währung umgerechnet werden, und diese kann dann in der Folge um etwa 30% abgewertet werden, was es erlauben würde, die Wirtschaft über die Exporte wieder in Schwung zu bringen.“
Das Rezept, das Deutschland bei Griechenland anwendet, schafft zuallererst ein „versklavtes Land“ mit reduzierten Löhnen; es ist ein Vorschlag zur Herstellung billiger Arbeitskräfte.
2. Zukunft des Euro steht in den zwölf Sternen der EU-Flagge
Wie ein Rudel nervöser Hyänen tanzen die EU-Führer um das schwer verletzte Griechenland.
Auch die Börsianer und Anleger sind verunsichert – die Kurse rasseln in den Keller. Nun spannt Brüssel den Schutzschirm auf. Satte 750 Milliarden Euro.
Es erinnert an die USA vor einem Jahr: Wirtschaftskrise und wie verrückt wird Geld gedruckt und verliehen, um den Totalzusammenbruch hinauszuzögern, von Rettung kann keine Rede sein. Diese innereuropäische Geldbombe ist eine Beruhigungsspritze, die eine im Sterben liegende Wirtschaft, aufgebaut auf purem Kapitalismus nicht wiederbeleben kann.
Die Zukunft des Euro steht in den zwölf Sternen der EU-Flagge.
So weit, so gut. Jetzt die Auflösung:
Brief Nr. 2 ist, vielleicht entgegen Ihrem Dafürhalten, nicht aus der Krone, sondern aus dem Kurier (25.5.10). Der erste Brief stammt aus dem portugiesischen „Diário de Noticias“ (23.5.10).
Zwei Erkenntnisse lassen sich aus diesem Vergleich ableiten:
Erstens das niedrige Niveau, auf dem in Österreich das Thema EU abgehandelt wird. Das merkt man erst, wenn man die Meldungen in den nationalen Medien vergleicht. Ein Leserbrief wie der mit den nervösen Hyänen, rasselnden Kellerkursen, einer Bombe, die eine Spritze ist usw. hätte tatsächlich einem NS-Organ entnommen sein können. Bitte verstehen Sie dies nicht nur als Floskel oder „Totschlagargument“, sondern lesen Sie wirklich einmal ein paar der „tieferen“ gleichgeschalteten Zeitungen aus der NS-Zeit. In einem demokratischen Medium von heute, noch dazu einem mit dem Anspruch einer „Qualitätszeitung“, hat so ein Machwerk nichts verloren.
Das ist auch gleich die
zweite Erkenntnis: Das niedrige Niveau unserer Presse. Sowohl Kurier wie auch das Diário de Noticias verstehen sich als Qualitätszeitung mit populären Aspekten, wobei das Diário diesen Anspruch erfüllt: Im Lokalteil erfährt man vom Hungerstreik eines Vaters, dessen Kind in der Schule ungerecht behandelt wurde sowie von den täglichen Verkehrsunfällen. Aber der ausgedehnte Politikteil und die Leserbriefseite (Titel: „Leserbriefe“) bieten ein intellektuell anspruchsvolles, aber auch allgemeinverständliches Niveau. Beim Kurier überschlägt man sich nicht mit qualitätsvollen Inhalten, sondern höchstens mit Kalauer- und Sprachbildhäufungen. Die Leserbriefseite trägt den Titel „Forum“, als ob ein Forum per Definition als Sprachrohr für Rabauken und Grobiane dienen müsste. (Auf dem Forum Romanum gab es wohl Auftritte der radikalen Tribunen, aber auch das Senatsgebäude.)
Inhaltlich stimme ich mit den Schreibern der Briefe nicht überein; meine Ansichten sind weit europafreundlicher. Aber die Ideen des portugiesischen Lesers, J. Edgar Da Silva, sind konstruktiv und stellen ein vielleicht etwas utopisches, aber interessantes Gedankenexperiment dar, das Stoff für intelligente Sachdiskussionen bietet. Das Geschreibsel des österreichischen Lesers (da man in Österreich leider davon ausgehen muss, dass Leserbriefe stark entstellt abgedruckt werden, sei sein Name nicht erwähnt) hingegen macht höchstens Lust aufs Geifern: Jemand mit so einer Ausdrucksweise hat die tieferen Zusammenhänge wohl kaum kapiert und würde sich anderswo damit nicht in die Öffentlichkeit wagen. Bei uns wird er noch mit Seitenüberschrift besonders hervorgehoben.
In den österreichischen Medien sind auch nur halbwegs intelligente EU-kritische Meinungen leider kaum zu finden. Dass dadurch auch die Pro-EU-Meinungen stetig an Qualität verlieren, ist die Konsequenz. In Ländern wie Portugal ist die Demokratie noch jung, und die staatlichen Einrichtungen dienen noch hauptsächlich direkt dem Volk (und nicht irgendwelchen Interessensvertretern, der Wirtschaft oder einem feschen Finanzminister und seinen Freunden). Dadurch verblüfft es, dass auch Vertreter der unteren Schichten politisch wesentlich besser gebildet sind. Wenn in manchen anderen Ländern Politiker korrupt werden, nehmen sie einen Batzen Geld und verschwinden damit auf Nimmerwiedersehen. Hierzulande hingegen halten und vermehren sie sich in der Politik und richten noch bei unseren Kindeskindern Schaden an. Hoffentlich überspringt Portugal diese bittere Episode.