Einige Missverständnisse über Religion und Leben, die von Theologen/Kirchenanhängern gerne manipulativ ausgenützt werden:
„Wer nicht gläubig ist, hat ja gar keine Werte, gar keine Orientierung im Leben. Wie kann man in dieser Leere nur existieren? Was ist denn das für ein Leben, was unterscheidet uns denn dann von den Tieren“ usw.
Diese „Leere“ ist in etwa das Gleiche wie jene Leere, die man empfindet, wenn man zu rauchen aufgehört hat: Man glaubt etwas zu brauchen, dabei ist es nur die Gewohnheit. Die meisten Menschen benötigen lediglich eine Art von Orientierungshilfe. Zeitgemäß wären hier
ethische Fundamente. Die beste ethische Grundlage für das tägliche Handeln sind aus einfachen Prinzipien (Gerechtigkeit, friedliches Zusammenleben in Wohlstand als Ziel) und Erfahrungen selbst hergeleitete Prinzipien, sprich: Eigene Denkleistung. Dogmatische Verkürzungen wie echte Religionen (Christentum) oder Ersatzreligionen (Stalinismus) können heutzutage nicht mehr funktionieren.
Wie kommt man als Mensch in die Lage, sich ein brauchbares Leitsystem zu formulieren? Durch Bildung. Geschichte, Ethikunterricht, Philosophie und dergleichen. Aber natürlich nur durch Unterricht, der
nicht von Theologen oder Geistlichen gehalten wird.
„Glauben kann man nur in der Gemeinschaft; man braucht die Gemeinschaft zum Glauben.“
Im Gegenteil,
richtigen Glauben, oder besser gesagt: eine taugliche ethische Überzeugung kann man nur
alleine für sich, im eigenen Kopf, entwickeln. Bei dieser Entwicklung spielen äußere Einflüsse zweifellos eine Rolle, aber nicht jene, dass man sich in der Gruppe gegenseitig anspornt, die richtigen Einstellungen zu vertreten. So etwas führt leicht wieder zu Verkürzungen – man glaubt etwas zu verstehen, hat den Schluss aber nicht selbst gezogen – und öffnet dogmatischer Verblendung wiederum Tür und Tor.
Dabei soll der Gläubige nicht den Umgang mit anderen Gläubigen meiden, genausowenig wie der liberale Denker den Umgang und die Diskussion mit seinesgleichen meiden soll. Nur
auf seinem Weg, gläubig oder liberal zu
werden, muss er zu den fixfertigen Meinungen auf Distanz gehen und
selbst das Hirn einschalten.
Und eine Gemeinschaft, die mithilfe von mystischen Ritualen, Gehirnwäsche und Strafdrohungen verhindert, dass Mitglieder abfallen, disqualifiziert sich ohnehin von selbst.
„Du bist ja überhaupt kein Atheist! Du bist ja nur Agnostiker.“
Das ist so ein Religionslehrer-Spezialtrick: Mit diesem „eigentlich bist du ja eh auf unserer Seite“ (siehe auch weiter unten) wird der Rebell gleich wieder an Bord gehievt. Was steckt dahinter?
Atheist ist – kurz gesagt – einer, der meint:
Es gibt keinen Gott. Antrieb ist üblicherweise die Feststellung, dass die
Kategorie Gott keinen Sinn ergibt. Das heißt aber: Es gibt keinen christlichen Gott, keinen moslemischen, keinen Gott der Tiere, kein „allwissendes Universum“, nicht das fliegende Spaghettimonster und so weiter, weil schon die
Frage nach einem Gott falsch ist.
Agnostiker ist einer, der sagt: Ich weiß es nicht, ob es einen Gott gibt. Man kann es nicht beweisen.
Ist jetzt jeder Agnostiker ein Atheist? Natürlich, denn er glaubt ja an keinen Gott und offensichtlich ebensowenig an die Sinnhaftigkeit der „Kategorie Gott“.
Hier dreht ein rhethorisch guter Theologe aber den Spieß um und sagt: Ahaa, dem Agnostiker gehts also ums Beweisen! Kann er aber die Nichtexistenz Gottes beweisen? Die Ablehnung der Kategorie "Gott" durch den Agnostiker wird hiermit elegant überspielt. Folgerichtig kommt nun das Argument, der Agnostiker müsse also
dem Glauben neutral gegenüberstehen. Und tatsächlich hört man oft von Agnostikern, die meinen, sie seien keineswegs Atheisten, und die sogar regelmäßig mit Partnern oder Freunden in die Kirche gehen.
Dabei bedeutet „Agnostiker“ aber nicht „Mir ist alles so wurscht, dass ichs genauso gut auch akzeptieren kann“, sondern „Mit einem Begriff 'Gott' fang ich nichts an, lasst mich mit derlei unvernünftigen Dingen in Ruhe.“ Oder einfach so ausgedrückt:
Agnostiker ist ein Unterbegriff von Atheist. Wikipedia sagt dazu diplomatisch, aber hinreichend deutlich: „Agnostiker werden dann zu den Atheisten gezählt, wenn schon das Nichtvorhandensein von Gottesglauben als Atheismus angesehen wird. Agnostische Ansichten, nach welchen auch die Nichtexistenz Gottes nicht gewusst werden kann, sind hierbei nicht benannt.“
"Du bist Atheist, ich bin Christ, dabei unterscheidet uns doch so wenig. Schließ dich mir an."
Ich erwidere darauf: Offenbar haben wir weitgehend deckungsgleiche ethische Überzeugungen. Du schreibst sie der Religion zu; ich meinen eigenen Erfahrungen und der damit verbundenen Gedankenarbeit. Die
gedankliche Zwischenschicht des Religiösen habe ich allerdings nicht benötigt und benötige sie auch in Zukunft nicht. Die Ablehnung derartiger Hilfskonstrukte ist für mich aber essenziell, da sie nach meiner Überzeugung weniger nützen als vom richtigen Weg ablenken. Wenn auch du ohne diese „vorgeschalteten“ Dinge auskommst, dann haben wir tatsächlich die gleiche Anschauung. Deshalb solltest du dich eher mir anschließen. Aber ich werde dich weder zwingen noch sonstwie bedrängen, denn ein weiteres wichtiges Prinzip für mich lautet: Die Freiheit des einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt -
auch von Missionierungsversuchen.
„Nur weil dir die (katholische) Kirche gegen den Strich geht, musst du dich doch nicht von deinem Glauben lossagen (ie: austreten)!“
Das ist sogar richtig! Austreten sollte man, weil man erkennt, dass man
keine Kirche benötigt, um ein guter Mensch zu sein (eigentlich braucht man ja nicht einmal eine Kirche[nmitgliedschaft], um Christ zu sein). Und wer sich bei den Missbrauchsmeldungen der letzten Monate entsetzt fragt, wieso
gerade die Kirche so falsch mit den Internatmissbrauchsfällen umgeht, soll sich fragen: Wieso gerade die Kirche
nicht? Bis in die 70-er, 80-er Jahre hinein hat wohl jede Institution, die ein Internat betrieben hat, erzieherisch versagt und den Zöglingen Gewalt angetan. Das hat damals zur Erziehung gehört, und zur Massenerziehung in einer Art Kinderkaserne schon überhaupt. Zudem ist die katholische Kirche eine gesellschaftliche Gegenordnung zum demokratischen Staatswesen, mit dem sie sich zwar arrangiert, aber es im Kern ablehnt. Das ergibt sich ganz logisch aus dem Postulat, dass nur die eigene „Wahrheit“ Wahrheit ist.
Gerade so eine Organisation wird kaum plötzlich vor der weltlichen Ordnung auf die Knie fallen und in vorauseilendem Gehorsam um Vergebung betteln. Andere Institutionen aber genausowenig: Was war zB in russischen Kinderheimen der 50-er Jahre los, und wie würde wohl die russische Regierung auf die Anzeige von Missbrauchsfällen reagieren?
Diese Geschehnisse sind in vielen Fällen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Aber der Hauptgrund für einen Kirchenaustritt sollte sich meiner Meinung nach schon aus der Infragestellung der Institution Kirche oder der Kategorie Gott ergeben.
„Wenn du willst, dass dein Kind mitbekommt, was geschieht, dann tauf es nicht als Säugling, sondern erst später, zum Beispiel mit vier Jahren.“
Ein Säugling kriegt von der Taufe gar nichts mit. Wenn man ihn auf diese Weise überrumpelt, ist es noch, sagen wir sarkastisch, auf eine ehrliche Weise unfair. Wenn man den jungen Menschen aber ein paar Jährchen später dem Gruppendruck der katholisch beeinflussten Gesellschaft oder katholischer Einrichtungen aussetzt und ihn auf diese Weise in den Wunsch, getauft zu werden, hineinmanipuliert, ist das
sehr hinterhältig. Zumindest bis nach der Pubertät sollte man mit der Idee der Taufe schon warten, wenn man Wert auf eine ehrliche Entscheidung des Betreffenden legt.
„Wieso soll sich die katholische Kirche jetzt 'auf Zuruf' reformieren, nur weil es vielleicht der Mode / dem Zeitgeist entspricht? Über die Jahrhunderte war die Kirche ein Fels in der Brandung, und das ist gut so.“
Siehe
diesen älteren Artikel.
In diesem Artikel habe ich viele Dinge, über die große Denker schon seit Jahrtausenden diskutieren, stark verkürzt und im Licht des Alltags dargestellt. Ich empfehle eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema zum Beispiel über
das Atheismus-Portal von Wikipedia.