Ein Brief, den ich an Ö1 geschickt habe. Die genannten Sendungen sind übrigens wirkliche Hammer - die Gesprächspartner waren anscheinend wegen der Hitze besonders enthemmt. Sollte das jemand lesen, der sich den Luxus eines Ö1-Downloadabos leistet, seien sie ihm ans Herz gelegt.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Zuerst Lob: Am Freitagnachmittag gab es in Ö1 zwei hervorragende, ebenso
interessante wie humorvoll präsentierte Sendungen, nämlich "Von Tag zu
Tag" mit Adolf Holl und "Da capo: Im Gespräch" mit Elia Bragagna.
Ich war begeistert! Diese Sendungen wollte ich gerne auf MP3 oder CD
haben, auch um sie meine Frau hören zu lassen.
Jetzt bitterer Tadel:
Ich musste feststellen, dass die Downloads nur im "Jahresabo" um 40 Euro
erhältlich sind.
In früheren Zeiten konnte man sich über telefonische Kontaktaufnahme mit
dem Hörfunk eine Sendung auf Schellack ritzen und mit der Post zusenden
lassen, was 7500 Schilling kostete (ich übertreibe).
Leider unterscheidet sich der Status quo noch nicht wesentlich davon!
Deshalb bitte ich Sie dringend, meinen folgenden Kundenwunsch an die
entsprechende Stelle weiterzuleiten:
Heutzutage ist es üblich, kommerzielle Musikstücke um 1 Euro pro Stück,
gänzlich ohne Aboverpflichtung, online zu erwerben. Sollen es bei einer
Ö1-Interviewsendung von mir aus 3 Euro sein. Auf jeden Fall müsste sie
einzeln zu erwerben sein.
Obwohl: Wir zahlen ja gerade wegen der qualitätsvollen Inhalte die
ORF-Gebühr (meine Frau und ich sogar 2x für Wohnung und Haus, plus nicht
unbeträchtliche wiewohl dubiose Summen für Digital-Decoderkarten). Das
legitimiert uns aber noch immer nicht zum Download von Ö1-Radiosendungen.
Was wir hingegen ständig kostenlos bekommen könnten, sind die eher nicht
so volksbildnerisch wertvollen Produktionen von Ö3 (Mikromann usw.),
die einem im Internet nur so um die Ohren fliegen.
Also: Während alles andere, egal wie dumm und sinnlos, durch die
Rundfunkgebühren abgedeckt ist, muss man für Ö1-Sendungen - die einzigen
dem Bildungsauftrag entsprechenden Produktionen - nicht nur zusätzlich
bezahlen, sondern das auch noch nach einem Geschäftsmodell (Jahresabo),
das anachronistisch und schikanös ist, kurz: den Bildungsauftrag des ORF
zusätzlich torpediert.
Und ja, ich weiß, als Ö1-Clubmitglied würde ich mir 10 Euro ersparen.
Schmecks!
Mit freundlichen Grüßen
Tags darauf kam folgende Antwort:
Vielen Dank für Ihr E-Mail und das Interesse, das Sie unserem Klassik- und Kulturprogramm Österreich 1 entgegenbringen . Gerne haben wir Ihr Lob den betreffenden Redaktion en zur Kenntnis gebracht.
Zur Frage der Kosten: Versorgungsauftrag und Programmauftrag für den Österreichischen Rundfunk sind im ORF-Gesetz geregelt. Als Gebührenzahler erhalten Sie demgemäß die dem ORF gesetzlich vorgeschriebenen Leistungen, einschließlich des Onlineangebotes. Unsere Podcast-, Download- und Streaming-Angebote sind jedoch nicht Teil des gesetzlichen Versorgungsauftrags . S ie werden daher auch nicht durch die Rundfunkgebühren gedeckt und dürfen das von Gesetzeswegen auch nicht. Die Erträge aus unserem Zusatzangebot decken nicht nur die daraus folgenden höheren Kosten des ORF für Erstellung und Vertrieb von Downloads und Podcasts ab - wir müssen damit auch die Ansprüche der Rechteinhaber (Autoren, Musikschaffende und -Interpretierende, Verlage etc.) mit den Verwertungsgesellschaften abrechnen. Programmverbreitung via Internet ist nämlich eine eigene Vertriebsform und deswegen in vielen Fällen extra zu honorieren.
Selbstverständlich haben wir Ihre Stellungnahme bezügli ch d es Downloadabos auch in unser Serviceprotokoll aufgenommen, das täglich alle Redaktionen und Führungskräfte von Ö1 zur Einsichtnahme erhalten.
Für Ihr Interesse an unserem Klassik- und Kulturprogramm Ö1 bedanken wir uns und verbleiben
Nun frage ich mich: Wie finanziert sich dann TVthek (ORF-Gratisportal mit Streams von TV-Produktionen) oder der Download der Ö3-Sendungen? Eine Willkommen-Österreich-Sendung dürfte komplizierter abzurechnen sein als ein Ö1-Interview, das eine angestellte Redakteurin mit einem Wissenschaftler führt. Wahrscheinlich war ich mit meinem Anliegen an der falschen Adresse; es scheint wohl vor allem an der Wurschtigkeit höherer Entscheidungsträger zu liegen, dass ausgerechnet die qualitätsvollen Eigenproduktionen nicht ohne Hindernisse herunterzuladen sind.
Jetzt ist noch eine zweite Antwort gekommen, Auszug:
Alternativ zu den Ö1-Downloads können Sie Sendungskopien von Einzelsendungen - ganz ohne Abonnement-Pflicht - über das Ö1-Audioservice (audioservice@orf.at; 0043-1-50170-374) auf MC oder CD beziehen. Die beiden von Ihnen gelobten Sendungen sind zum Preis von je € 26,- (Ö1-Clubmitglieder € 19,80) zzgl. € 3,- Versandspesen (einmalig) auf MC oder CD erhältlich.
Mit Auf-den-Briefträger-Warten kosten die beiden Sendungen somit 54 Euro statt im Download-Abonnement 39 Euro. seufz
Wir ersuchen höflichst um Verständnis dafür, dass Ö1 seine Angebote nicht individuell auf jedes einzelne Clubmitglied zuschneidern kann.
Als Clubmitglied hat mans leider gar nicht viel besser, denn dann legt man ab:
Monatliche Rundfunkgebühr 23 Euro plus Jahres-Clubgebühr 27 Euro plus ermäßigte Jahres-Downloadgebühr 29 Euro.
Ein Kompromissvorschlag, wie man das Bezahlangebot mit nur drei unterschiedlichen Preisen doch individuell auf jedes einzelne Clubmitglied zuschneidern könnte (abgesehen von der naheliegenden Null-Lösung):
Einzeldownload von Sendungen: 2 Euro für eine lange, 1 Euro für eine kurze Sendung, oder das Jahresabonnement. Wetten, dass der Umsatz dann deutlich höher ist?