Vorstandssitzung bei der Österreichischen Bundesbahn. Nach einigen Absagen und mancher Hinein- und Hinausreklamation diverser Teilnehmer sitzen nun beisammen:
VV – der Vorstandsvorsitzende,
MM – der Marketingleiter,
BV – der Belegschaftsvertreter,
PC – der Planungschef und
CC – der Chefcontroller.
Der erste Kaffee ist getrunken. Es herrscht eine konstruktiv-entspannte Stimmung. Der VV schlägt seine Mappe auf.
VV Also meine Herren, Willkommen zur heutigen Vorstandssitzung! Danke auch fürs Erscheinen an unseren Belegschaftsvertreter sowie an Marketing und Controlling. Hallo auch an den Chef der Strategischen Planung!
Tagesordnungspunkt Nummer eins ist ... die neuen Tarifaktionen.
MM Es kommt der Winter, und wir haben uns lange überlegt, welche neuen, tollen Angebotspackage wir für unsere Kunden schnüren können. (stolz) Das Ergebnis ist das Winter-Klein-Family-Meilendomino-Ticket!
VV Hatten wir das nicht schon einmal?
MM Nein, das war das Winter-Großeltern-mit-Kind-Meilendomino-Ticket, das gibts seit letztem Jahr.
VV Wieso seit letztem Jahr? Sind diese Angebote nicht nur für jeweils eine Saison gedacht?
MM Äh, gedacht schon, aber die IT ... also jedenfalls, das EDV-System ist nicht kompatibel.
VV Wieso nicht kompatibel? Was funktioniert denn da nicht?
MM Wir haben es schon mehrmals prüfen lassen von einem Technical-Assistance-Team, da kann man nichts machen: Wenn ein Angebotspackage einmal im System ist, kriegt mans nicht mehr hinaus. Die Alternative wäre ...
VV Wieso kriegt mans nicht mehr raus? Was hat das Technikerteam denn als Ursache festgestellt?
MM Äh, irgendwas mit einem „Löschflag“, das bei der Abfrage nicht berücksichtigt wird.
VV Schrecklich, dieser Computerkauderwelsch. Na gut. (sinniert) Wieviele solchen Altaktionen haben wir denn eigentlich noch im System?
MM Letzte Woche warens 126. Aber lassen Sie mich auf die Alternative zurückkommen, das ist ja eigentlich ganz einfach zu lösen, wenn man das Angebots- und Buchungssystem neu ausschreibt. Wir hätten da schon den idealen Anbieter im Auge. (wachelt mit einem Brief)
VV Kostenpunkt?
MM 15 Millionen, höchstens. Das hätte gleich den Vorteil, dass wir dann auch die Möglichkeit hätten, die Vorteilscardbesitzer einzupflegen. Das heißt natürlich, einpflegen können wir sie ja schon, aber, äh, gewissermaßen nicht mehr auspflegen.
VV Sie meinen, beim derzeitigen System kriegt man die Daten der Vorteilscardbesitzer nicht heraus, obwohl sie drin sind? Wie das denn?
MM Auch dazu hat es einen Spezialistentrupp von Technical Assistance gegeben. (liest ab) CSI Technik hat festgestellt (blättert) ... die Ursache ist: Mangelhafte Formularimplementierung, fehlender Submitbutton!
VV Ein furchtbares Kauderwelsch! Können wir einen Submitbutton nicht irgendwie einbauen? Hat vielleicht Rail & Track Services irgendwo sowas?
MM Haben sie schon, aber erstens benötigen wir einen virtuellen Button, und für die ist kein Sachbearbeiter vorhanden, derzeit leider alle im Krankenstand. Und unsere Unternehmenssparte Bahn Parts hat uns auf unsere Anfrage hin ein Angebot über Schienennägel gemacht, zu je 750 Euro das Stück. Unser Budget für Enterprise Client Communications sieht aber im Bereich Critical Client Interfaces keine Posten unter 850 Euro vor. Im Kleinanschaffungsbereich greift der Kostenreduktionsplan vom letzten Jahr. Eine Ausnahme dafür müsste uns erst die Politik bewilligen.
VV Verstehe. Also machen wir Nägel und Buttons mit Köpfen und schreiben das System neu aus. So! -
B Dazu passend eine Anfrage betreffend die Sparte Housing and Space: Die Lagerhalle am Südbahnhof, dieses dreistöckige Gebäude aus den 50-er Jahren, das Construction & Works abtragen wollte wegen dem neuen Hauptbahnhof, von wegen Gleisverschwenkung, da konnten wir Belegschaftsvertreter den Abriss gerade noch abwenden, denn es wären beide Mannschaftsräume mitabgetragen worden! Jetzt ist der Plan geboren worden, gleich das gesamte Gebäude in Mannschaftsräume umzubauen. Nur ein Problem gibts dabei: Die zweite Etage ist voll mit alten Vorteilscarddokumenten. Brauchen wir die noch?
VV Was für Dokumente sind das?
BV (blättert) Eins komma sieben Millionen Passfotos von bewilligten Vorteilscard-Anträgen, die die Kunden mit dem Formular eingeschickt haben, und die wir dann eingescannt und auf die Vorteilscards gedruckt haben.
VV (hat einen Geistesblitz) Sind die Fotos mit den Stammdaten der Vorteilscardbesitzer versehen?
BV Nein. Die Originalformulare wurden abgetrennt und lagern in Wien Nordwest.
VV (nur leicht enttäuscht) Aha, na egal. Dann brauchen wir die Fotos wohl nicht mehr. Was mich jetzt interessiert, ist: Was steckt hinter dem neuen Spezialticket, „Winter...“?
MM „Winter-Klein-Family-Meilendomino-Ticket“! Ganz einfach und sehr genial für die werdenden Kleinfamilien: Mann plus schwangere Frau zahlen nur 65%, in Begleitung von zwei geborenen Kindern 55%, bei vier geborenen Kindern 45%, und bei einer noch höheren geraden Anzahl von geborenen Kindern 35%. Natürlich gestaffelt, das heißt das erste geborene Kind bedeutet zahlt 100%, dann aber das zweite 100% und davon nur 65%, und das dritte auch 65 von 100 Prozent, aber das vierte schon nur mehr 55% und so weiter und so fort.
VV Ist klar. Aber das kommt mir so bekannt vor. Ist das nicht dasselbe wie beim City-Sparkurs-plusminus Ticket?
MM Überhaupt nicht! Es ist wohl dasselbe wie bei Vorteil-Minus-65, das Angebot für die Noch-nicht-schwangeren Pensionisten in Verbindung mit Vorteilscard Tropic. Aber City-Sparkurs ist prinzipiell ohne schwangere Frau, und die Staffelung macht sich an den ungeraden geborenen Kindern fest.
VV Ah ja, natürlich. Na gut, wenn Sie meinen, das Angebot wird ein Erfolg, dann bitte gern.
Nächstes ... Wie schauts bei Customer-Kundencare aus?
CC Schlecht. Beschwerden über Beschwerden. Es ist ein Jammer, es scheint fast, je weniger Kurse wir anbieten, desto mehr beschweren sich die Leute. Hier haben wir das veranschaulicht. (zieht Grafik aus der Tasche) Sehen Sie, nach Ausdünnung der Kurse ... hier ... steigen die Beschwerden ganz gewaltig an, bis dann plötzlich ... hier ... die Beschwerden abrupt auf null zurückgehen.
VV Wieso denn das?
CC Das ist kurioserweise immer da, wo die Relationen zur Gänze zurückgefahren werden, also es gar keine Kurse mehr gibt. Da gibts dann plötzlich auch praktisch kein negatives Feedback mehr.
VV Interessantes Phänomen! Können wir daraus eine Strategie ableiten? (wendet sich an den Herrn von der Strategischen Planung)
PC (seinen Enthusiasmus nur mit Mühe beherrschend) Wir haben uns damit selbstverständlich eingehend auseinandergesetzt. Da ist es uns gekommen. Sehen Sie da, so einfach! (Schaltet den Overheadprojektor ein, kramt aus seiner Tasche ein Butterkipferl, legt dieses auf die Projektionsfläche.)
VV Aha? Was ist das?
PC Hab ich heute im BahnHofShop gekauft. Herrschaften, wir haben die Lösung gewissermaßen im eigenen Haus! Das ist die Zukunft, das ist wunderbar, das ist traumhaft: Wissen Sie, wie gut das ist?
VV Ein Kipferl?
PC Jawohl, ein Kipferl! Schmeckt 1a. Ist weich, man kanns füllen, je nach Gusto. Jedermann liebt das. Vegetarisch, nicht vegetarisch, pikant oder süß. Mit Gemüse drin, drauf, dazu, Saucen, saisonal variiert, groß, klein. Zum Mitnehmen und Hieressen! Ein Kipferl ist was für alle. Ein sicheres Geschäft.
VV Sie meinen, wir sollen mehr Kipferln verkaufen in den Zügen? Oder auch in den Bussen?
PC Neinneinnein, sowas gibts ja schon. Was ich meine, und nun halten Sie sich fest - die ÖBB macht: (Pause) Kipferln. Ihr Partner für Kipferln. Und auch Leberkäs. Und – ganz neue Idee aus Amerika – mittelfristig den BahnBagel!
VV Wie, statt den Zügen? Glauben Sie, das hat Zukunft?
PC Und ob das Zukunft hat! Hier die Quartalszahlen von Anker: Die haben gar keine Zugverbindungen. Haben die in Wahrheit nie gebraucht! Dafür gibts ein Portfolio mit ganz verschiedenen Arten von Mehlspeisen und Kaffeeausschank in den Bahnhöfen, äh Filialen. Oder ein Beispiel aus Deutschland: Müllerbrot. Eine Erfolgsstory! Und haben die Busbetrieb, Rail Cargo? Schneckn! Gar nix dergleichen! Und das Geschäft brummt, Sie glauben es nicht!
VV Aber auch das haben wir doch schon einmal angedacht ...
PC Stimmt, haben wir. Aber wir haben den Fehler gemacht, dass wir einfach nicht weit genug gegangen sind. Wie der Kollege von letztem Jahr gemeint hat, als Versuchsballon verlagern wir RailCargo jetzt auf den LKW, war das ein wichtiger Impuls. Aber letztlich ... sagen Sie selbst, Herr Kollege vom Controlling, wie läuft das?
CC Baaah ... nicht besonders. Besser als vorher, aber ist beileibe kein Bringer. Ich begrüße die innovative Idee mit den Kipferln, dem kann ich einiges abgewinnen.
PC Sehen Sie? Nun geht der Knopf auf. Ähnliches hats ja auch beim Bus gegeben, oder?
CC Richtig. Den Postbus haben wir übernommen und es hat Beschwerden gehagelt. Nach entsprechender Fahrplanoptimierung sind die Beschwerden zurückgegangen. Den Busverkehr konnten wir auf 13% zurückfahren – Schülerkurse, Sie wissen Bescheid, da hält die Politik die Hand drauf, aber die Effizienzsteigerung beträgt dennoch (rechnet) stattliche 87%! In Cashflow ausgedrückt: Für jeden Euro Verlust in der Sparte Bus and off-rail Transportational bekommen wir heute 87 Cent Gewinn! Das ist der richtige Spin.
VV Das ist ganz beachtlich, weiter so. Sie haben meine volle Unterstützung, was die Evaluierung von der Angebots-, äh, -retargetierung angeht. 100% Unterstützung. Ich erwarte kurzfristig mindestens 2 ausgearbeitete Vorschläge, also Sie liefern mir die ausgearbeiteten Strategiepläne bis spätestens ersten Montag im März, mindestens 10 Seiten A4, einfacher Zeilenabstand, unterschriftsfertig! Inzwischen werden wir die Stimmung bei den politischen Entscheidungsträgern abtesten. Na wunderbar! Es geht was weiter! Wäre ja gelacht, wenn wir bei dem Karren nicht wieder das Ruder in die schwarzen Nullen reißen könnten! Danke, meine Herren. Wir sehen uns dann bei der nächsten Sitzung, wegen Weihnachten ... achtzehnter Jänner. Rutschen Sie gut!