Die Elektrofahrräder sind da, und mit ihnen ist das Nenn-mich-nicht-beim-Namen-Phänomen zurück. Denn Elektrofahrräder, so verkünden die diversen Lifestyle-Redakteure und sonstigen modernen "Contentproduzenten", trügen als "korrekte Bezeichnung" (so zB das Magazin "Konsument") den Namen "Pedelecs".
Nun ist der einzige naheliegende Terminus für unsere Sprache jedoch "Elektrofahrrad", oder, marketingmäßiger vielleicht "E-Bike". Beide Begriffe sind in der Umgangssprache auch gebräuchlich, während von "Pedelecs" erst seit relativ kurzer Zeit zu hören ist. In anderen Worten könnte man den aktuellen Imperativ so formulieren: "Ab sofort ist es verboten, den naheliegenden Namen zu verwenden, sondern wir gebrauchen alle den Kunstbegriff, und das ist bitteschön keine autoritäre Einmischung, sondern der Fortschritt, und wer den verpasst, ist einfach zurückgeblieben."
Manipulatorische Fingerübung
Bei der Suche nach den Wurzeln der Angelegenheit stößt man im Internet auf die Diplomarbeit einer Susanne Brüsch aus dem Jahr 1999. An einem deutschen Sprachinstitut entstand das Werk "Pedelecs: Fahrzeuge der Zukunft". Laut Beschreibung (Link s.u.) ist Zielsetzung der Arbeit, die "Vielzahl an Bezeichnungen" für Elektrofahrräder im Rahmen eines "internationalen Namenssystems" zurechtzustutzen. Das System soll "die unterschiedlichen Fahrzeugtypen voneinander abgrenzen und eindeutig benennen". Eine interessante Fingerübung - Hand aufs Herz, welcher Akademiker entwickelt denn nicht gerne eigene Nomenklatursysteme für irgendwas Neuartiges, in der Hoffnung, dass irgendjemand da draußen die Begriffe tatsächlich einmal verwendet? Leider ist vom besagten "internationalen Namenssystem" nur der Überbegriff "Pedelec" für "Pedal Electric Cycle" geblieben, und der unterscheidet sich in nichts vom allgemein gebräuchlichen "Elektrofahrrad", nur dass er - pardon - künstlich und affig klingt. Gerade das Richtige für unsere Redaktionen, die sprachlich ja für jeden Blödsinn offen sind.
Nun bin ich persönlich allergisch gegen jede Art von "Manipulation der Massen", insbesondere wenn ich dabei zur Masse gerechnet werde. Dass man Massenmanipulation über die Sprache betreibt, ist klassisch. Jeder ist sich heute bewusst, dass die bekannten autoritären Regimes dabei erfolgreich waren, und deswegen herrscht gegenüber politischer Propaganda zurecht große Skepsis. Aber nicht überall ist die Sprachmanipulation so leicht zu durchschauen, hervorstechendstes Beispiel im Deutschen ist derzeit das Gendern bei der Rechtschreibung. Die Notwendigkeit der Extra-Hervorhebung weiblicher Formen immer und überall in der Sprache, auch wenn es im Text überhaupt nicht um geschlechtliche Aspekte geht, basiert auf der philosophischen Idee, die "Symbolsysteme" (Sprache) derart zu manipulieren, dass bestimmte gewünschte Anliegen ins allgemeine Bewusstsein (bzw. Unterbewusstsein) der Massen gepusht werden. Das kann man als politisches Instrument gutheißen und weiterpropagieren oder auch nicht. Ich ziehe es vor, es nicht zu betreiben, denn, wie oben gesagt, verabscheue ich jegliche Massenmanipulation, so hehr der Zweck auch sein mag. Überraschenderweise halten es aber sehr viele insbesondere liberale, antifaschistische und aufgeklärte Medienmenschen umgekehrt. Sie postulieren, wie neulich sogar im Standard, etwa, man sei etwas zurückgeblieben, wenn man das Gendern noch immer nicht beherrsche, obwohl es doch schon so lange als logische Weiterentwicklung und unabdingbarer Fortschritt in der Sprache erkennbar sei.
Wenn Militärregimes unsere Sprache normieren
Hier sprechen wir von unabdingbaren Weiterentwicklungen der Art, wie sie das Mörderregime von Burma betreibt, indem es, kurz vom Morden ablassend, die Weltöffentlichkeit wissen lässt, das von ihnen in Geiselhaft gehaltene Land hieße ab sofort nicht mehr Burma, sondern "Myanmar" - und alle westlichen Medien es brav nachplappern. ("Myanmar" ist eine Variation des Worts "Birma", bei der einfach die Konsonanten anders interpretiert werden.)
Auch ein Präsident des Landes Elfenbeinküste hat in seiner Weisheit einst festgelegt, sein Land heiße ab sofort "Côte d'Ivoire", und zwar nicht nur auf Französisch, sondern in allen Sprachen (der Name darf nicht übersetzt werden).
Mir war ja neu, dass derartige Visionäre und globale Innovateure ein Mitspracherecht bei den Regeln der deutschen Sprache haben, aber offenbar besteht dieses sehr wohl, wie man aus der hiesigen Presse erkennen kann.
Manchmal bemüht sich auch ein wirtschaftliches Unternehmen um den "Fortschritt" der deutschen Sprache, so etwa die Neuburger GmbH aus Oberösterreich, die kurzerhand den dünn aufgeschnittenen Leberkäse zum "Neuburger" erklärte und den Slogan prägte "Sagen Sie niemals Leberkäse zu ihm". Dieses Beispiel ist aber ironisch gemeint - im vorliegenden Fall macht die offensichtliche Chuzpe die Originalität und den Erfolg der Werbekampagne aus.
Den Kirgisen haben wirs aber geshowed
Auf hingegen relativ unironische Weise betätigen sich jene, die der Meinung sind, englische Fremdwörter müssten sich nach Ankunft in unserer Sprache nicht integrieren, nein im Gegenteil, sie brächten auch noch ihre eigene Exklusivgrammatik in den Satz mit, nach der sie gebeugt zu werden haben. Auf diese Weise schaffen sie mitten im Satz fremdsprachliche Enklaven. Beispielsweise werden da Sachen "upgedated", was konsequenterweise zu "upgedateden Sachen" führt. Der absolute Respekt vor dem Englischen bei gleichzeitiger Unkenntnis geht mitunter so weit, dass von Dingen die Rede ist, die "geshowed" werden, während der Engländer selbst eher von "shown" sprechen würde. Wäre aber gelacht, wenn wir nicht die Symbolsysteme der Briten und Amis ebenfalls umkrempeln könnten, wie es uns passt!
Ein armes östliches Land wie Kirgisien muss sich sowieso alles gefallen lassen. Schließlich ist es auch selber schuld, denn es hat es verabsäumt, dem Westen eine angemessene Staatsbezeichnung zur Verfügung zu stellen. Die Einwohner nennen ihr Land Kirgisische Republik, wobei das erste Wort "kirgiz" geschrieben wird. Eine Junta aus deutschen Außenpolitikredakteuren hat sich herabgelassen, das Problem zu lösen. Dabei wurde auf die Befindlichkeit "der Bevölkerung" noch so weit Rücksicht genommen, dass die von den ungeliebten Russen gebildete Form "Kirgisia" abgelehnt wurde - obwohl sie in der direkten deutschen Übersetzung "Kirgisien" sprachlich die einzig naheligende wäre. Stattdessen kam man zur Ansicht, da die meisten umliegenden Staaten ihren Namen auf -stan haben, wäre es nur folgerichtig, auch Kirgisien auf -stan enden zu lassen.
Eine Feinheit dabei ist jedoch, dass das weiche s ("z" in "Kirgiz") ein Teil des Wortstamms ist und erhalten bleiben muss. Würde man nun "Kirgistan" bilden, könnte man nicht erkennen, dass das s essenziell für den Kernbegriff ist, der ja nicht nur "Kirgi" lautet. Auch dafür wurde eine wunderbar praktikable Lösung gefunden und ergo postuliert: Das Land heiße ab nun im Deutschen korrekt "Kirgisistan".
In der Praxis wurde es jahrelang einfach nur "Kirgistan" genannt, bis die ersten Journalisten begannen, aus der 3-Groschen-Linguistengruppe auszuscheren und wieder "Kirgisien" zu schreiben.
Man möge es also unterlassen, in meinem Symbolsystem herumzudoktern, sonst postuliere ich noch einmal zurück!
Diplomarbeit zu "Pedelecs": http://extraenergy.org/main.php?language=de&category=&subcateg=&id=22
Neuburgers Flash-Orgie: http://www.neuburger.at/