Tuesday, October 25. 2011
Gaddafi wurde nach einem Angriff auf seinen Konvoi angeschossen, von der Meute misshandelt und getötet: Der Tod eines Tyrannen. Davon gibt es Aufnahmen, die in den meisten Zeitungen veröffentlicht wurden. Naturgemäß keine schönen Aufnahmen, weswegen prompt der Chor der sich rechtfertigenden Redaktionen und empörten kinderschutzbefleißigten Leser erklang.
In welcher Welt leben wir eigentlich? In einer Welt, wo der Strom aus der Steckdose kommt, oder in der es Atomkraftwerke, wirtschaftliche Interessen, diktatorische Drohgebärden usw. gibt? In einer Welt, in der 95% aller Menschen begeisterte Fleischesser sind, aber deren Kinder oft nicht wissen, wie ein Schwein aussieht und was der Unterschied zwischen Rind, Kuh und Kalb ist? In einer Welt, in der es noch immer Kriege gibt, gegen die man aber nicht einfach die Position eines Hardliner-Pazifismus einnehmen kann, weil man Völkern zugestehen muss, dass sie sich von blutrünstigen Diktatoren befreien?
Sie sehen, worauf ich hinaus will: Die Welt ist eben leider komplex, und man ist gut beraten, auch hinter die Kulissen zu sehen: Da gibt es nicht nur die sauberen Bilder von sich beratenden westlichen Politikern mit Sorgenfalten oder von tadellos funktionierenden Militärflugzeugen, welche irgendwas in der Ferne bombardieren, was man auf den Bildern ohnehin nicht erkennen kann – da gibt es sehr wohl auch Menschen zu sehen, die angeschossen und zu Tode geprügelt werden. Diese Bilder sind es, die uns immer wieder anregen, sich etwas mehr Gedanken zu machen, vielleicht grundsätzliche Überlegungen anzustellen, zu hinterfragen, wie es kommt, dass wir solche Szenen schon seit Generationen nicht mehr selbst erleben müssen, und ob nicht etwas dafür notwendig ist, dass es so bleibt.
Gerade den Kindern, die viele schützen wollen, indem sie zB dem Standard verbieten wollen, Fotos von Gaddafis Tod auf die Titelseite zu setzen, dürfen wir diese Eindrücke nicht vorenthalten. Natürlich ist ein entsprechendes Alter (nämlich das individuell richtige) bei den Kindern vorauszusetzen, aber ich sehe nicht ein, warum man als ganz junger Mensch schon Teile von Tieren zerschneidet, aber es einem nicht zuzumuten sein soll, sich selbst ein konkretes Bild vom Krieg zu machen, und in der Folge eigene Gedanken dazu zu entwickeln – bevor vielleicht irgendeine schönfärberische Kriegspropaganda das übernimmt.
Tuesday, October 25. 2011
In den letzten Jahren haben sich diverse „kleine“ Varianten des Glücksspiels stark ausgebreitet. Angefangen vom Lotto „6 aus 45“ in den 80-er Jahren, bis hin zu den heute vieldiskutierten Glücksspielautomaten, die manche Bundesländer verbieten, andere ungehindert anwachsen lassen und wieder andere bei gleichzeitiger Pro-Forma-Beschränkung in Wirklichkeit fördern.
Grundsätzlich ist Glücksspiel dem Funktionieren einer Gesellschaft abträglich: Es ist eine finanzielle (meist: Dauer-)Belastung ohne irgendeine Gegenleistung. Es erzeugt beim Menschen ein Pseudobedürfnis, packt ihn psychologisch, schürt Gier und Neid und fördert letztlich die Verarmung. Die Erwerbsarbeit im Gegensatz zum Glücksrittertum wird entwertet. Früher ging man davon aus, dass nur die Reichen finanziell und seelisch robust genug lebten, um den Schattenseiten des Spielens zu trotzen. Der zweifelhafte Nervenkitzel und trügerische Hauch von Luxusleben, den das Kasino-Image vermittelt, soll heute jedoch auch den „kleinen Mann“ ansprechen.
So fallen die alten, zugegebenermaßen sozial nicht fairen, gesellschaftlichen Schranken. Für das gepflegte Geldverbrennen muss man sich heutzutage nicht mehr in Schale werfen und eine Spielbank aufsuchen – eine Tankstelle, ein Einkaufszentrum oder der eigene PC tuns auch. Man braucht für das Spielvergnügen keine Oberschichtmanieren mehr zu pflegen und muss sich auch um keine gesellschaftlichen Kontakte mehr kümmern. Sein eigenes Geld im großen Stil vernichten darf heute jeder, während es früher ein Pseudoprivileg der Reichen war.
Gut, der Staat nimmt jetzt noch mehr Steuern daraus ein. Das sind jedoch Gelder, die er an anderer Stelle dafür nicht mehr bekommt, nämlich über die Konsumsteuern, oder dafür nicht mehr spart, nämlich bei den Sozialleistungen, die er zusätzlich erbringen muss. Wenn aber der Staat dabei nicht profitiert, wer sonst? Nur die Glücksspielunternehmen, keiner sonst. Die sind aber eben Unternehmer, und darum kann man von ihnen nicht verlangen, auf Profit zu verzichten. Eher sollte man die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (wieder) etwas verantwortlicher – und vor allem: bewusst – gestalten.
Monday, October 10. 2011
Kurz vor der Mittagspause serviere ich hier noch lizenzfrei verwendbare Patentlösungen für zwei beliebte Riesenprobleme.
Das erste betrifft die Frage, die die BBC aufgeworfen hat, ob es nicht religiös diskriminierend ist, in den Begriffen BC (= v.Chr.) und AD (= n.Chr.) auf Jesus Bezug zu nehmen. Der Lösungsvorschlag der BBC sieht vor, statt von Christus von einer „Common Era“ zu sprechen, ohne allerdings das Jahr Null selbst woanders anzusiedeln. In der Presse am Sonntag wurde deshalb berechtigterweise gespöttelt. Das ist nämlich, als ob man zB die Trennung von Kirche und Staat dadurch vollziehen wollte, indem man lediglich das Wort „Kirche“ in allen Gesetzestexten durch „die Organisation“ und „Christus“ durch „der Ding“ ersetzte.
Wenn man also schon das Jahr Null bei Jesus' (mutmaßlicher) Geburt positioniert lassen will, soll man, statt irgendwelche „Common Eras“ auszurufen, die mathematisch-nüchterne Methode wählen und für die Jahre vor Null negative Zahlen verwenden: Cäsar wurde im Jahr -44 ermordet, Jesus im Jahr 33.
So! Nachdem das erledigt ist, nun zum ewigen Thema „Wenn man das scharfe S abschafft, wie unterscheidet man dann zwischen Masse und Maße?“. Auch hierzu existieren erstaunlich komplizierte Abhilfevorschläge. Dabei ist es ganz einfach: Wenn wir uns ein bisschen von anderen Sprachen inspirieren lassen, sehen wir, dass wir zur Unterscheidung von ansonsten gleichen Schreibweisen Akzente verwenden können, und am besten so wie die Spanier: nämlich ganz sparsam und nur dort wo es – Erweiterung meinerseits: im Satzzusammenhang – notwendig ist. Von den Italienern nehmen wir die Unterscheidungsmöglichkeit der offenen und geschlossenen Vokale, die wir vereinfachen, indem wir sagen: Der Gravis (è) steht für kurze und der Akut (é) für lange Aussprache. Damit hätten wir alles, was wir brauchen, um korrekt lesen zu können: „Ich kann keine Másse nehmen, weil es mir an Màsse mangelt.“
So, jetzt ist es zwölf, und nachdem die wichtigen Fragen geklärt sind, kann nun mit der Arbeit begonnen werden!
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