Gaddafi wurde nach einem Angriff auf seinen Konvoi angeschossen, von der Meute misshandelt und getötet: Der Tod eines Tyrannen. Davon gibt es Aufnahmen, die in den meisten Zeitungen veröffentlicht wurden. Naturgemäß keine schönen Aufnahmen, weswegen prompt der Chor der sich rechtfertigenden Redaktionen und empörten kinderschutzbefleißigten Leser erklang.
In welcher Welt leben wir eigentlich? In einer Welt, wo der Strom aus der Steckdose kommt, oder in der es Atomkraftwerke, wirtschaftliche Interessen, diktatorische Drohgebärden usw. gibt? In einer Welt, in der 95% aller Menschen begeisterte Fleischesser sind, aber deren Kinder oft nicht wissen, wie ein Schwein aussieht und was der Unterschied zwischen Rind, Kuh und Kalb ist? In einer Welt, in der es noch immer Kriege gibt, gegen die man aber nicht einfach die Position eines Hardliner-Pazifismus einnehmen kann, weil man Völkern zugestehen muss, dass sie sich von blutrünstigen Diktatoren befreien?
Sie sehen, worauf ich hinaus will: Die Welt ist eben leider komplex, und man ist gut beraten, auch hinter die Kulissen zu sehen: Da gibt es nicht nur die sauberen Bilder von sich beratenden westlichen Politikern mit Sorgenfalten oder von tadellos funktionierenden Militärflugzeugen, welche irgendwas in der Ferne bombardieren, was man auf den Bildern ohnehin nicht erkennen kann – da gibt es sehr wohl auch Menschen zu sehen, die angeschossen und zu Tode geprügelt werden. Diese Bilder sind es, die uns immer wieder anregen, sich etwas mehr Gedanken zu machen, vielleicht grundsätzliche Überlegungen anzustellen, zu hinterfragen, wie es kommt, dass wir solche Szenen schon seit Generationen nicht mehr selbst erleben müssen, und ob nicht etwas dafür notwendig ist, dass es so bleibt.
Gerade den Kindern, die viele schützen wollen, indem sie zB dem Standard verbieten wollen, Fotos von Gaddafis Tod auf die Titelseite zu setzen, dürfen wir diese Eindrücke nicht vorenthalten. Natürlich ist ein entsprechendes Alter (nämlich das individuell richtige) bei den Kindern vorauszusetzen, aber ich sehe nicht ein, warum man als ganz junger Mensch schon Teile von Tieren zerschneidet, aber es einem nicht zuzumuten sein soll, sich selbst ein konkretes Bild vom Krieg zu machen, und in der Folge eigene Gedanken dazu zu entwickeln – bevor vielleicht irgendeine schönfärberische Kriegspropaganda das übernimmt.